Enorme Entwicklung im Segeln: Fliegen knapp über dem Wasser

Vom Neue Zürcher Zeitung

Alinghi GC32

Für Ernesto Bertarelli war es Neuland. Mit den Foils hatte der zweifache America’s-Cup-Sieger und erfahrene Kat-Segler kaum Erfahrungen, als er vor zwei Monaten an einer Test-Regatta auf GC32-Booten in Marseille teilnahm. «Das hat unglaublich Spass gemacht», bilanzierte der Genfer nach der Regatta auf den zehn Meter langen Einheitskatamaranen, den Great-Cup32-Hightech-Booten auf zwei Kufen. Diese junge Bootsklasse ist mit J-Foils und T-Ruder ausgerüstet, bei entsprechendem Wind können sich die beiden Kufen bis zu anderthalb Meter abheben. Dadurch fliegt der Kat förmlich über das Wasser. Die «fliegenden Boote» sind aus dem letzten America’s Cup 2013 bekannt, der von Oracle gewonnen wurde. Die Crew hatte zum Schluss der Regatta den Umgang mit den Tragflügeln besser beherrscht als der Gegner aus Neuseeland.

Fliegende Boote
Im America’s Cup wurden Foils der ersten Generation bereits 2010 eingesetzt. Doch in Valencia stand damals das 70 Meter hohe starre Flügelsegel des Oracle-Trimarans vor allem wegen seiner Grösse im Mittelpunkt. In Bermuda, wo 2017 die nächste Ausgabe des prestigeträchtigsten Segelrennens stattfindet, wird der Flügelmast nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil alle Konkurrenten den gleichen haben werden. Bei den Foils jedoch geniessen die Designer eine gewisse Freiheit, und gewinnen wird diejenige Crew, die das Segeln auf den Tragflügeln am besten beherrscht. Verständlich deshalb, dass die Segler der teilnehmenden Teams bereits jetzt auf diversen kleinen Foilern das «Fliegen über dem Wasser» üben.

Im Flugmodus auf kleinen Booten
wr. Ein Foil funktioniert wie der Flügel eines Flugzeugs. Bei genügender Geschwindigkeit erzeugt es Auftrieb, so dass die Bootsrümpfe aus dem Wasser gehoben werden. Dadurch verringert sich der Widerstand im Wasser, die Boots-Geschwindigkeit erhöht sich. Auf geraden Strecken ist das leichter zu bewerkstelligen, schwieriger wird das Foilen beim Wenden und Halsen. Jüngstes Produkt auf dem hart umkämpften Markt der foilenden Sport-Katamarane ist der «Flying Phantom», der für zwei Personen gedacht ist und rund 30 000 Euro kostet. Der Oracle-Coach Philippe Presti bestellte mehrere Exemplare für sein Team. Die Erfahrung beim Folien mit kleinen Booten sei sehr hilfreich. Die Crew würde viel über das Verhalten im Flugmodus lernen.

Mit dem gleichen Boot wird Red Bull für 16 bis 20 Jahre alte Segler, die sogenannte Foiling-Generation, eine Regatta-Serie in sieben Ländern durchführen. Rechtzeitig auf den Foiling-Boom gesetzt hat auch Flavio Marazzi. Seit 2013 segelt er in der GC32-Serie mit, wo er jetzt auf die Bertarelli-Konkurrenz trifft. Der vierfache Olympiateilnehmer aus Bern bevorzugt starke Winde. Verständlich, denn bei Winden unter zehn Knoten bleiben die Rümpfe vollständig im Wasser, und der angestrebte Flugmodus fällt dahin.

Um diese Entwicklung nicht zu verpassen, hat sich Alinghi für die Teilnahme am GC32-Circuit entschlossen, möglicherweise auch im Hinblick auf eine spätere Cup-Teilnahme. Ebenso nimmt Spindrift Racing an dieser Serie teil, der Rennstall, der von Bertarellis Schwester Dona und deren Lebenspartner Yann Guichard geführt wird. «Den fliegenden Booten gehört die Zukunft», sagt der Franzose Guichard zum Engagement von Spindrift. Im Segeln geht die Entwicklung der ersten Hydrofoils, die in der motorisierten Schifffahrt schon seit über einhundert Jahren eingesetzt werden, unter anderem auf die französische Segellegende Yves Tarbaly zurück. Tarbalys Mitsegler Alain Thébaut sorgte 2009 mit dem Hydroptère für Furore, als er den Weltrekord auf Kurzdistanzen brach.

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Der entscheidende Durchbruch gelang jedoch in der Moth-Klasse (Motte), die Anfang dieses Jahrhunderts dank den Freiheiten in der Konstruktion die Einführung von Foils ermöglichte. Den Siegeszug traten die Foils danach an, weil sich Oracle in der Entscheidung um den 33. America’s Cup 2010 für ein Mehrrumpf-Boot entschied und sich in Valencia gegen Alinghi durchsetzte. Damit war die Basis für den Katamaran mit Foils als neues Cup-Boot gelegt. 2013 sorgte der AC72 in San Francisco für den spektakulärsten Cup der Geschichte. Die Racer aus Amerika und Neuseeland flogen förmlich über das Wasser und erreichten Geschwindigkeiten von über 80 km/h.

Dank der Weiterentwicklung der Foils könnte der Oracle-Besitzer Larry Ellison seine Vision, den Segelsport der Facebook-Generation näherzubringen, am 35. America’s Cup in Bermuda doch noch realisieren. Die Spitzensegler wollen auf den Rausch der Geschwindigkeit nicht mehr verzichten, und auch der segelnde Nachwuchs ist fasziniert von den Foilern, die in kleineren Versionen Geschwindigkeiten von über 60 km/h erreichen. So ist kaum verwunderlich, dass im Sog der jüngsten Cup-Entwicklung ein regelrechter Foiler-Boom ausgebrochen ist.

Neue Dimension
Nils Frei, seit vielen Jahren auf den Alinghi-Booten Segeltrimmer, spricht sogar von einer neuen Dimension im Segeln. «Es ist eine richtige Revolution im Gange, die ich in keiner anderen Sportart beobachte», sagt der Bieler. Möglich sei diese rasende Entwicklung, weil die Foils dank neuster Technologie trotz starker Belastung nicht mehr brechen. Die L-, T- oder J-förmigen Foils seien sehr flexibel geworden. Und man stehe erst am Anfang dieser Entwicklung, in fünf Jahren könnten die Foils noch dynamischer sein und auch punkto Form weit differenzierter.

Der technologische Fortschritt im Segelsport fasziniert Frei. Zusammen mit seinem Mitsegler Yves Detray hat er einen foilenden Kitekat entwickelt. Der Prototyp erregte letztes Jahr an der «Foiling Week» Aufsehen. Neben dem Erfahrungsaustausch gab es in jener Woche auf dem Gardasee auch spektakuläre Rennen zwischen diversen Sportgeräten mit Foils. Die neuste Entwicklung ist bei den Kitesurfern zu beobachten: Sie haben ebenfalls ein Foil unter dem Board montiert. Frei hat sich selber ein solches Brett zugelegt, er prophezeit einen Boom, «weil foilende Kiteboards das schnellste sind, was es gegenwärtig auf den Seen gibt».

Die Entwicklung der Foils-Technologie macht übrigens auch vor den Einrumpf-Booten nicht halt. In der nächsten Vendée Globe, der Weltumsegelung für Einhandsegler, werden 2016 mindestens ein halbes Dutzend Open 60 mit Foils am Start sein. Bei der Minitransat, der Einsteiger-Regatta für Solo-Segler, sind Foils ebenso ein Thema. In beiden Fällen werden die Boote zwar nicht «fliegen» können, sie werden aber schneller durchs Wasser gleiten.

Grosser Traum
Der ultimative Traum der Segler und Designer allerdings ist die Entwicklung eines Mehrrumpfbootes, das die Welt auf Foils in Rekordzeit umsegeln kann. François Gabart, der französische Shootingstar der Branche, spricht punkto Bootsentwicklung von «einer fliegenden Epoche, die vor uns liegt». Er wisse nicht, ob er derjenige sein werde, der als Segler den Rekord-Versuch unternehmen könne. «Aber ich bin sicher, dass es eines Tages ein Boot gibt, das um die Welt fliegen wird.»

America’s Cup: Aufgehende Sonne statt roter Mond
wr. ⋅ Es klang wie eine Drohung. Trotzig reagierte Russell Coutts auf den Abgang des italienischen Challengers Luna Rossa: «Die Japaner werden kommen», sagte der CEO des Cup-Verteidigers Oracle. Nun ist eine Challenge aus dem Land der aufgehenden Sonne akzeptiert. Finanziert wird das Team von Son Masayoshi, einem der reichsten Japaner (Telekommunikation und Medien). Offizieller Herausforderer ist der Kansai Yacht Club, der wohl auf die Dienste von Dean Barker zählen kann. Der langjährige Skipper und Steuermann von Team New Zealand war Ende Februar überraschend entlassen worden. Unterstützt werden die Japaner auch von Defender Oracle, der «technische Hilfe» zugesagt hat. Diese wird, wie beim Team France, sollte diese Challenge zustande kommen, ein Basis-Design-Paket für den neuen 48-Fuss-Katamaran umfassen. Japan war bisher drei Mal am America’s Cup dabei: 1992, 1995 und 2000. Das beste Resultat gelang 1992, als Chris Dickson, später Skipper von Oracle, das Team in die Halbfinals führte. Oracle-Besitzer Larry Ellison ist Japan-Fan, alle seine Jachten tragen japanische Namen.

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